Annie O. hinterm Pult. Ihr blonder, gelockter Bob und ihre Kopfhörer umspielen ihr lächelndes Gesicht. So sieht Wonne bei der Arbeit aus.
Annie O. am Pult: Nicht nur musikalisch ein Highlight. © itsnotanothershot

Wonderwoman aus'm Pott?

Das Nachtleben, speziell das DJ-Dasein, sowie auch die Welt der Veranstaltungstechniker*Innen ist, wie so oft, ziemlich männlich geprägt. Sich als weiblich gelesene Person dort zu behaupten, bedarf nicht Eier in der Hose, sondern ordentlich Titten in der Bluse – und das nicht im sexuellen Sinne. anuux on the hunt geht heute mit DJ-Königin und KitKat-Veranstalterin Annie O. ins Zwiegespräch über das Leben in der Nacht, Probleme mit toxischer Maskulinität und dem steten Kampf für Konsens.

 


 

Deine Vita liest sich so abwechslungsreich wie die Lidschattenpalette einer Dragqueen: In Dortmund geboren und aufgewachsen, hast du ein Diplom in BWL und durch das zugehörige Studium Auslandssemester in Dublin und Brüssel absolviert. 2006 bist du nach London gezogen, um dich als Investmentbankerin zu versuchen. Ein Jahr später bist du dann aber Schlagzeugerin und Managerin der Elektro-Band Rotkäppchen geworden. Wie kam es dazu, diese zeitintensiven “Investitionen” Studium und Abschluss hinter dir zu lassen und in ein doch recht anderes Metier einzusteigen?

Hach, weißt du – ich weiß es selbst nicht so genau. Als ich aus dem Investmentbanking ausgestiegen bin, wusste ich ja auch noch gar nicht, dass es in Richtung Musik geht – das hat sich dann erst „zufällig“ ergeben. Es war also keine so offensichtliche Entscheidung zwischen Geld und Musik, sondern eher eine Entscheidung weg vom klar vorgezeichneten Weg hin zu "ich lasse mich jetzt einfach mal treiben und schaue mal, wohin der Weg führt". Als Psychologin würde ich sagen: Verschiedene Selbstanteile haben da jeweils die Führung übernommen.

Ist dir dieser Schritt schwer gefallen?

Überhaupt nicht – das werde ich oft gefragt, denn ich habe immerhin mit 23 ein jährliches Einkommen von ca. 100.000 € in den Wind geschossen. Aber das Gute war: Es ging mir nie ums Geld. Der Weg über die Eliteuni ins Investmentbanking war eher von einer Lust getrieben, mich zu beweisen und das Beste vom Besten zu erreichen. Damals war das Werkzeug dafür eben mein Intellekt – dann wurde es durch ein "auf der Bühne stehen" ersetzt, was ja – ehrlich gesagt – auch eine Art der narzisstischen Bestätigung ist. Nur halt viel cooler.

Komplett jungfräulich bist du nicht an die Musik herangetreten: Im Kindesalter hast du begonnen Klavier zu spielen und später durch die Disco Boys deine Liebe zu Disco House entdeckt. Warum nicht gleich der Weg zur Musik?

Keine Ahnung, es gab einfach überhaupt keinen Gedankengang in die Richtung, dass diese Interessen irgendwie professionalisiert werden könnten. Aber eigentlich ist es auch gut so, denn ich hätte damals überhaupt gar nicht gewusst, wo ich da hätte anfangen sollen. Es musste sich einfach von selbst ergeben.

2014 ging es dann von London nach Berlin, wo du seit jeher nicht nur als DJ tätig bist, sondern seit 2019 auch als Co-Veranstalterin der Four Play im KitkatClub residierst. Gibt es große Unterschiede zwischen dem Nachtleben dieser beiden Metropolen?

Ja und nein. Ein Unterschied ist die schiere Größe der Szenen – in London ist jede Subkultur noch einmal bedeutend größer als in Berlin. Und während es in Berlin schon immer so war (und scheinbar immer salonfähiger wird), dass das freie Ausleben von Sexualität und Kinkyness recht selbstverständlich zum Clubleben dazu gehört, ist es in London meiner Erfahrung nach nicht so. Ein Grund dafür ist vielleicht, dass in London Selektion an der Tür unüblich ist. Je mehr man das Berliner Nachtleben gewöhnt ist, desto unverständlicher erscheint einem das. Was aber ähnlich ist, finde ich, ist die unglaubliche Parallelität von Szenen und Subkulturen: Man kann jahrelang in einer Szene unterwegs sein und nichts von einer anderen wissen. Bei mir war das auch so – in den knapp zehn Jahren London gab es immer wieder Schlüsselmomente, wo mir jemand die Tür zu einer anderen Welt geöffnet hat und es völlig überwältigend war, etwas zu entdecken, wovon man vorher noch nicht einmal die leiseste Ahnung hatte. (So war es auch mit der Entdeckung der Kinky-Szene). So habe ich mich in der Zeit mehrmals neu erfunden und mich in völlig neuen Umfeldern bewegt.

Nicht nur der Bereich Investmentbanking ist stark männlich geprägt. Auch das Nacht- und Veranstaltungsleben weist eine große männliche Präsenz auf. Hast du dir diese beiden “Männerdomänen” bewusst ausgesucht?

Ha, das habe ich mich auch häufig gefragt. Von einer Uni mit einer 15%igen Frauenquote ins Investmentbanking, dann Schlagzeugerin und DJ – da habe ich mir echt schon viele Männerdomänen ausgesucht. Natürlich ganz unbewusst! Aber ich habe irgendwann realisiert, dass ich mich anscheinend "als eine von ihnen" fühle und mich daher gerne mit Männern umgebe und messe. Ich denke es kommt aus meiner Familienkonstellation: Ich wollte schon immer meinen Vater und meinen zehn Jahre älteren Bruder beeindrucken und habe mich selbst als kleines Mädchen als Teil ihrer "Gang" gefühlt.

Fühlst du dich als Frau dort komplett ernst genommen und respektiert?

Ja voll! Das ist ja das Verrückte: Dadurch, dass ich mit einer (unbewussten) Grundhaltung von "ich bin mit euch auf Augenhöhe" in diesen Kontexten auftrete, tritt eben genau das ein: Ich werde die meiste Zeit auch wirklich auf Augenhöhe behandelt. Ich bin sehr dankbar, dass mir da durch meine Prägung offenbar eine Unbefangenheit mitgegeben wurde, die – wie ich erst später lernen musste – offensichtlich vielen anderen Frauen leider nicht zuteil wurde.

Wie reagierst du, wenn du die volle Ladung “toxic masculinity” abbekommst – ungeachtet deines Umfelds?

Du, ehrlich gesagt passiert mir das echt selten. Einerseits habe ich mir sicher über die Jahre eher Kontexte gesucht, in denen das ziemlich unwahrscheinlich ist; andererseits kann es auch sein, dass es zwar passiert, aber ich es als nicht persönlich betreffend empfinde oder erinnere. Ein wichtiger Faktor ist aber, denke ich, dass ich in allen Aspekten meines Lebens immer sehr auf Unabhängigkeit bedacht bin – daher komme ich selten in Situationen, in denen ich mich toxischen Energien unterordnen muss. Diese Unabhängigkeit schafft eine persönliche Distanz, mit der man diese Energien viel selbstverständlicher als entweder bemitleidens- oder verachtenswert bewerten und behandeln oder auch einfach mal herzlich lachen kann.

Annie in action. © itsnotanothershot

Respekt ist ein wichtiger Punkt bei eurer Veranstaltungsreihe Four Play, welche du mit zwei Herren, Roy und Slawik, monatlich realisierst. Ihr legt bei euren Events extrem viel Wert auf Konsens unter den Feiernden und eine gute Türselektion. Was leider immer noch als Ausnahmeerscheinung wirkt, sollte eigentlich flächendeckend Anwendung finden. Bist du vom “herkömmlichen” Veranstaltungsgeschäft manchmal enttäuscht, weil es weniger um das Wohl der Teilnehmenden und mehr um Umsatz geht?

Boah, schwer zu sagen. Denn ich gehe persönlich kaum noch privat aus, wenn ich nicht selbst auflege – und wenn, dann nur innerhalb der Bubble der Berliner Clubs, die sich dem kapitalistischen Hamsterrad widersetzen. Daher mache ich kaum noch enttäuschende Erfahrungen.

Mit eurem Konzept arbeitet ihr nicht nur auf entspanntes Feiern hin, sondern ihr geht damit auch ganz bewusst gegen festgefahrene Rollenbilder und die “angeborene Machtposition” von Männern vor. Wollt ihr damit Stück für Stück den Konservatismus der Gesellschaft aufbrechen?

Hm – irgendwie ja, aber ich würde das persönlich jetzt nicht in dieser Weise formulieren. Vielleicht hat es diesen Effekt, aber diese Deutung ist mir persönlich zu sehr auf Krawall gebürstet. Wir machen das nicht primär, um gegen etwas zu sein oder etwas aufzubrechen, sondern eher, um einen neuen Raum zu schaffen, der spielerischer, fluider und eben auch deutungsfreier ist. Das finde ich persönlich auch schöner, als sich durch ein Dagegen zu definieren.

Zur Berlin Pride hast du auf dem Truck des Bürgermeisters gespielt, seines Zeichens bei der CDU – eine Partei, die nicht sonderlich für mehr Gleichberechtigung und weniger Konservatismus steht. Wie wurde dein Auftritt dort von der queeren Community angenommen?

Ja, unter dem spezifischen Instagram-Foto mit Kai Wegner gab es schon einige negative Kommentare. Aber in meinem eigenen queeren Freundeskreis so gut wie gar nicht. Ich finde es okay, das zu kritisieren, aber ich persönlich sehe keinen triftigen Grund, einen Auftrag der demokratisch legitimierten Berliner Regierung zu boykottieren. Umgekehrt fände ich es eigentlich wünschenswert, wenn wir als liberale Gesellschaftsakteure – trotz einiger politischer oder kultureller Meinungsverschiedenheiten – zusammenhalten würden, statt gegenseitiges Fingerpointing zu betreiben.

Mit deinem Umzug nach Berlin hast du noch eine weitere Profession in dein Leben geholt: Du hast Bachelor und Master in Psychologie und hängst aktuell noch die zugehörige Therapieausbildung ran. Wie vereinst du diese zeitintensive Ausbildung mit dem Nachtleben?

Ja, es ist schon nicht einfach. Einmal vom zeitlichen Aspekt her, aber auch der ständige Rollenwechsel ist mitunter eine Herausforderung. Ich denke dennoch, dass es produktiv sein wird, die gemachte Lebenserfahrung im Nachtleben und ein Bewusstsein für die dazugehörigen Herausforderungen später in die therapeutische Arbeit einfließen zu lassen.

Die Vögelchen zwitschern, dass du zukünftig nicht nur Club-Veranstaltungen machen wirst. Auf was können sich deine Fans nächstes Jahr freuen?

Jawohl, es wird nächstes Jahr ein sex-positives Festival namens fluidity geben! Über 3 Tage werden viele etablierte sex-positive Parties und Communities das Festival mitgestalten, so dass man zwischen Floors und Areas immer wieder in die Welten und Energien der verschiedenen kinky communities eintauchen kann. Mehr Infos hier: www.fluidityfestival.com und @fluidity.festival .

Danke Annie!

 


 

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