Vom Dorf in die Metropolen: Wie Marcella Rockefeller Deutschland eroberte
Marcella backstage. © Kevin Pawlak

Vom Dorf in die Metropolen: Wie Marcella Rockefeller Deutschland eroberte

anuux on the hunt geht heute mit Marcella Rockefeller auf Tuchfühlung. Wie die 38-Jährige trotz ihres zarten Alters dennoch bereits ein Urgestein der deutschen Travestielandschaft wurde, verrät sie uns hier! 

 


 

Marcella, was bei Drag-Künstler*Innen ja stets eine reizende Einstiegsfrage ist: Wie bist du zu deinem Drag-Namen gekommen?

Der Name entstand tatsächlich zu einer Zeit, als ich mit Drag noch überhaupt nichts am Hut hatte. Ich saß mit einem Freund zusammen und wir haben aus Spaß überlegt, wie wir wohl heißen würden, WENN wir irgendwann mal Drag machen sollten. Also haben wir unsere Vornamen verweiblicht und uns dann Nachnamen überlegt, die möglichst stinkreich klingen. So wurde aus Marcel schließlich Marcella Rockefeller.

Rockefeller. Da denkt person tatsächlich sofort an Berge von Geld. War das einer deiner Antriebe, dich in die Perücke zu stürzen?

Wenn Geld mein Antrieb gewesen wäre, hätte ich mir definitiv ein anderes Hobby gesucht. Angefangen habe ich damals im KULTURSCHOCK KÖLN, wo ich die Möglichkeit hatte, mich einfach auszuprobieren – ohne große Erwartungen oder einen konkreten Plan. Mich hat vor allem die Freiheit gereizt, auf der Bühne lauter, mutiger und exzentrischer sein zu können. Und ziemlich schnell wurde mir klar, wie unfassbar teuer Drag eigentlich ist. Damit war dann auch die letzte Rockefeller-Rich-Bitch-Illusion dahin.

2010 bist du zum ersten Mal bei Das Supertalent gelandet, die Krone hast du dir jedoch erst 2014 geholt. Wie hat sich deine Karriere in diesen vier Jahren verändert?

2010 war Marcella eigentlich noch ein ziemliches Küken. Durch das Supertalent gingen plötzlich Türen auf und ich musste nicht mehr um jeden Auftritt betteln, sondern wurde viel mehr angefragt. Meine eigentliche Bühnenschule war aber weiterhin der KULTURSCHOCK KÖLN. Dort habe ich durch Improvisation gelernt, dass mich auf der Bühne so schnell nichts aus der Ruhe bringt. In den vier Jahren habe ich unglaublich viel Erfahrung gesammelt und mich auch gesanglich weiterentwickelt und ausprobiert. 2010 war einfach noch zu früh. Ich glaube aber auch, dass 2014 meine Hommage an MARY (Georg Preusse), bei der ich mich während des Songs im Finale abgeschminkt habe, entscheidend war. Es war meine Verneigung vor einer Legende, die mich geprägt hat. Und vielleicht lag genau darin die Faszination für den Zuschauer: Am Ende stand da keine Kunstfigur mehr, sondern einfach ein Mensch. Ohne Perücke, ohne Maske. Und genau der wurde gesehen.

Bist du der Karriere wegen von der fränkischen Provinz in die Rhein-Metropole gezogen?

Nein, Karriere war damals eher ein Traum als ein konkretes Ziel. Ich bin direkt nach meiner Friseurausbildung aus einem 400-Seelen-Dorf nach Köln gezogen. Frankfurt kannte ich schon, das war damals meine erste Anlaufstelle, um die schwule Welt zu entdecken. Dort habe ich Karaoke gesungen, meine ersten Gay-Partys gefeiert und die ersten Küsse gesammelt. Aber irgendwann wollte ich mehr als nur am Wochenende in diese Welt eintauchen. Der Süden reizte mich nicht, Hamburg und Berlin waren mir zu weit weg. Und dann verbrachte ich zufällig ein Wochenende in Köln und war sofort verliebt. In die Stadt, die Menschen und diese offene Mentalität. Also habe ich mich einfach blind auf Stellen beworben und es hat erstaunlich schnell geklappt. Manchmal braucht es keinen großen Karriereplan. Nur den Mut, sein kleines Heimatkaff hinter sich zu lassen.

Irgendwann war Köln dann Geschichte und Berlin hat unüberhörbar gerufen. War der Umzug ein weiterer Karriereschritt oder doch eher auf privater Basis?

Ich bin definitiv mit einem weinenden Auge nach Berlin gegangen. 16 Jahre Köln, ein ganzes Leben, das ich mir dort aufgebaut hatte. Das lässt man nicht einfach so zurück. Aber durch Corona hatte sich so viel verändert. Freundeskreise und Wahlfamilien sortierten sich neu und ich hatte plötzlich viel Zeit mit mir selbst. Während ich noch in meiner winzigen Kölner Küche saß und mich fragte, wie es weitergeht, begann die Zusammenarbeit mit Peter Plate und Ulf Leo Sommer. Aus einzelnen Projekten wurde immer mehr. Irgendwann war ich fünf Wochen in Berlin und drei Tage in Köln. Die Studiocouch wurde praktisch mein Hauptwohnsitz. Gleichzeitig eröffneten sich berufliche Möglichkeiten weit über die Travestie hinaus, die ich in Köln so vermutlich nie gehabt hätte. Berlin wurde schleichend zu meinem Lebensmittelpunkt. Irgendwann war klar: Das ist deine Chance. Loslassen tut weh, aber manchmal halten wir so sehr an Vertrautem fest, dass wir uns selbst im Weg stehen. Also bin ich gegangen. Und ich liebe diese Stadt. Und auch die Anonymität.

Du arbeitest mit Stars wie Lucy Diakovska und Peter Plate zusammen. Du stehst mit Kim Fischer oder im Fernsehgarten auf der Bühne. Ist das mittlerweile Alltag oder wachst du doch manchmal morgens auf und denkst dir: “Heftig! Früher hab ich nur Haare geschnitten und jetzt bin ich ein Star.”?

Marcella lachend: Ein Star? Na, jetzt wollen wir mal die Kirche im Dorf lassen. Aber klar gibt es Momente, in denen ich mir denke: Wie zur Hölle bin ich eigentlich hier gelandet? Früher stand ich im Friseursalon und heute arbeite ich mit Menschen zusammen, die ich damals im Fernsehen bewundert habe. Das ist schon ziemlich absurd. Gleichzeitig werden aus diesen großen Namen irgendwann einfach Kolleg*Innen und sogar auch Freundinnen und Freunde, mit denen man arbeitet, lacht und auch mal völligen Blödsinn macht. Und genau das finde ich so schön. Wer kann behaupten Lucy in einem Hotelzimmer die Haare gefärbt zu haben? Ich möchte mir dieses Staunen auch unbedingt bewahren, denn selbstverständlich ist das alles ganz und gar nicht. Manchmal denke ich tatsächlich an den kleinen Marcel aus dem 400-Seelen-Dorf zurück. Der würde wahrscheinlich komplett ausflippen, wenn er wüsste, was da noch alles auf ihn zukommt. Und ganz ehrlich? Ich manchmal auch noch.

Du hast vor kurzem deinen Supernovadiscoslut Remix gedroppt. Was können deine Fans in der nächsten Zeit noch Neues erwarten?

Es ist natürlich eine riesige Ehre, ausgerechnet DIE Hymne aus "WIR SIND AM LEBEN" auf meine ganz eigene Art interpretieren zu dürfen. Ich habe den Song gefühlt auf jeden Pride mitgenommen und was SUPERNOVADISCOSLUT bei den Menschen auslöst, ist einfach irre! Umso mehr habe ich mich gefreut, als Peter und Ulf mich gefragt haben, ob ich nicht meine eigene Version daraus machen möchte. Da bin ich schon verdammt stolz drauf! Aber das wird ganz sicher nicht mein letztes musikalisches Lebenszeichen gewesen sein. Ich liebe die Musik, ich liebe die Bühne, ich liebe die Verwandlung und vor allem liebe ich es, mich immer wieder neu auszuprobieren. Und wer mich kennt, weiß: Lange stillsitzen war noch nie mein Ding.

Wenn person so viel travestiert wie du, wird Drag dann Alltag oder bietet es immer noch die Möglichkeit damit dem herkömmlichen, dem womöglich Bedrohlichen durch die "Rüstung Drag" zu entfliehen?

Ich glaube, es ist tatsächlich beides. Klar ist Drag nach all den Jahren auch Alltag geworden, aber ich liebe diese Verwandlung noch genauso wie am ersten Tag. Marcella ist durchaus eine Art "Rüstung". Sie erlaubt mir, offen, laut und extrovertiert zu sein, während ich als Marcel eigentlich ziemlich zurückhaltend bin und es gar nicht mag, im Mittelpunkt zu stehen. Aber vor allem bedeutet Drag für mich Freiheit. Die Freiheit, auf Erwartungen zu pfeifen, Grenzen zu sprengen und einfach das zu sein, was ich sein möchte. Über die Jahre sind Marcel und Marcella natürlich immer mehr zusammengewachsen. Drag ist für mich deshalb weniger eine Flucht aus dem Alltag, sondern eher die Freiheit, Dinge zu tun und Seiten an mir zu zeigen, die ich als Marcel wahrscheinlich für mich behalten würde. Und das möchte ich auch nach all den Jahren nicht missen.

Danke Marcella!

 


 

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