Vom BH zum Herrenschlüpfer
Die Wandlungsfähigkeit von queeren Künstler*Innen ist sagenumwoben. Egal ob Lady Gaga, Conchita Wurst oder Ades Zabel. Wer im Gespräch bleiben möchte, darf sich nicht auf alten Fummeln ausruhen. Sich stets neu zu erfinden ist nicht nur eine geniale Fähigkeit, sondern gehört mittlerweile schon fast zum guten Ton. Ein Paradebeispiel hierfür ist die Frankfurter Szene-Größe Tibor Biró.
anuux on the hunt blickt mit euch in eine queere Karriere, die mittlerweile ein viertel Jahrhundert andauert – und ans Aufhören wird im Hause Biró nicht gedacht!
Mr. Biró. Ein Name, der in einem von Dragqueens geprägten Business heraussticht. Und das schon seit 25 Jahren. Verrate uns kurz die Inspiration für deinen Künstlernamen.
Biró ist ganz simpel mein Familienname. Nachdem ich jahrelang unter anderem Namen meine Runden durch die Szene gedreht hatte, war es an der Zeit mich selbst zu zeigen. Zudem brauchte ich einen DJ-Namen, der mich widerspiegelte. Da die Obst- und Gemüsenamen für mich eher nicht in Frage kamen, blieb es schlicht bei Mr. Biró.
Klingt nach Startschwierigkeiten, was die Kreativität zu Beginn deiner Laufbahn betrifft, was? Irgendwann waren aber Jeans und CDs nicht mehr genug. Eine Dame namens Crystel Cox fand nicht nur den Weg in dein Leben, sondern auch auf die Bühnen der Main-Metropole. Warum der Drang zur Travestie?

Crystel Cox in dezenter Paillette. © Entertainment-Events T. Biró
Ich hatte nie Probleme oder Hemmungen etwas auszuprobieren. Ich sah damals auf einer Party im LOFT-House in Frankfurt Queens und dachte mir: Das kann ich auch! Über zehn Jahre hinweg erschuf ich dann aus einer Idee – damals noch ohne Social Media-Hilfe – einen Namen, eine Marke und schlussendlich eine Kunstfigur. Und damit stand ich auf den Bühnen nicht nur der Main-Metropole, sondern in ganz Deutschland, ja sogar europaweit. Ich hatte zwei Kolumnen in der GAB, Werbekooperationen, sowie Fernseh- und Radioauftritte. Und natürlich habe ich hunderte Parties bespielt. Aber ich hatte auch viel Glück und Hilfe von Menschen, die an mich glaubten. Beispielsweise Babsi Heart – eine wundervolle Wegbegleiterin und Freundin. Zusammen bildeten wir ein paar Jahre ein unschlagbares Duo. Am stärksten sollte aber immer die Liebe und der Glaube an dich selbst sein, sonst funktioniert nichts im Leben.
Das war 2004. Wie du schon erwähnt hast, fand die Gute jedoch zehn Jahre später ein Ende. Schnauze voll gehabt von Lippenstift und Zweithaar?
Es fiel mir nicht leicht, Drag an den Nagel zu hängen. Aber aus heutiger Sicht war es die beste Entscheidung. Der Tod meines Vaters 2014 war ein großer Wendepunkt in meinem Leben. Seine letzten Worte an mich waren: “Probier alles aus, was dich glücklich macht, verpass keine Chance." Und mit diesem Satz im Kopf fielen mir viele Entscheidungen leichter. Zum einen hatte ich nach zehn Jahren alles erreicht, was ich erreichen wollte und war happy damit. Und ich hatte mich auch einfach weiterentwickelt. Auf Knopfdruck stets lustig sein zu müssen, wollte und konnte ich nicht mehr. Außerdem wurde mir bewusst, dass ich auch ohne Wig eine Stimme habe. Leider gab es zudem noch einen weiteren Grund, mit dem sich viele Queens sicherlich auch heute noch auseinandersetzen müssen: Toxic masculinity. Typen, die dir suggerieren, dass du zwar sexy bist, Drag aber das ungeilste und unmännlichste ist, was es für sie gibt. Mit so jemanden könne Mann keine Beziehung führen – ungeachtet der Tatsache, dass sie RuPaul’s Drag Race vergöttern. Das hat was mit mir gemacht. Dadurch konnte ich die darauffolgenden 10 Jahre keine meiner Auftritts-Videos mehr anschauen, ohne mich zu schämen. Super merkwürdig, wenn ich darüber nachdenke, da ich eigentlich schon immer sehr selbstbewusst gewesen bin. Heute hingegen mache ich solchen Menschen direkt ne Ansage. Klar haben wir alle Vorlieben und denken in Schubladen – das ist auch wichtig und richtig! Ich habe für mich lediglich entschieden, die Schubladen offen zu lassen.
Ist in Schubladen zu denken für dich demnach ein Teil des Entwicklungsprozesses?
Schubladendenken ist für uns Menschen wichtig, um zu verarbeiten. Heute mehr denn je. Alles ist so schnelllebig geworden. Too much information at once. Man lernt Menschen viel zu schnell, aber auch nur oberflächlich kennen. Ich denke, dass jeder Mensch das macht und generell ist daran nichts Schlechtes. Man kann Schubladen offen lassen und Dinge, Menschen oder auch Empfindungen herausnehmen und umpacken, vielleicht sogar mischen oder neu beschriften. Im Endeffekt könnte man es auch Ordner oder auch Erfahrungenspeicher auf unserer eigenen Festplatte nennen. Vorurteile gehören ganz klar dazu. Aber was sind Vorurteile? Meistens doch Erfahrungen, die wir irgendwie bereits selbst gemacht oder durch andere aufgenommen haben. Offen lassen ist ‘The Key’ für die Entwicklung.
2001 gings los mit dem DJ-Dasein. Wie hast du den Weg ins Nachtleben und zum Mischpult gefunden?
Ich hatte begonnen, auf kleinen privaten Veranstaltungen aufzulegen, bis mich dann eine DJ-Kollegin an die Hand nahm. Sie kitzelte das richtige Taktgefühl aus mir heraus und ein paar Jahre später fing ich an, auf Partys aufzulegen. In Frankfurt spielte ich in fast allen Clubs: Cocoon, Odeon, Pulse, Velvet, Pracht, Yachtklub, Freud uvm. Die große Bühne brauche ich heute nicht mehr. Ich wollte es, also habe ich es ausprobiert und war gut genug, um durchzuhalten. Ich würde mich selbst nie als ‚den DJ’ beschreiben, aber ich habe das Verständnis und die Liebe für Musik. Menschen zusammenzubringen, sie mit Musik zum Tanzen zu animieren und zu beobachten, wie sie sich dem Beat hingeben und glücklich dem Alltag entschwinden, ist doch das Schönste, oder? Viele rotzen ihre Sets herunter, packen vier Songs in eine Minute, stress-mixen und mashen sich zu Tode. Oder sie verstecken sich in einem Genre, weil es cool ist und dabei verlieren sie die Liebe zur Musik. Das spiegelt auch einen großen Teil der heutigen Generation wider: Alles muss schneller sein. No Judgement. Das ist einfach weder mein Weg noch mein Geschmack. Ich bin mir treu geblieben und mache eigentlich nur noch die Musik und Veranstaltungen, auf die ich Lust habe.
Du legst nach all den Jahren weiterhin auf. Geht dir die Musik, die sich das durchschnittliche Tanzvolk wünscht, manchmal auf die Ketten?
Ich bin wie Styropor und schwimme eigentlich immer oben. Wenn man mich nicht bucht, buch ich mich halt selber. Im Moment leg ich eigentlich nur noch bei ‚Drag me to brunch‘ und auf Firmenveranstaltungen auf. Musikwünsche sind manchmal gute Weichen, um dem Abend einen neuen Twist zu geben. Anstrengend wird es nur, wenn es vom Genre so gar nicht reinpasst, die Wünschenden penetrant werden oder ein ‚Nein‘ nicht akzeptiert wird.
Was sind deine Inspirationsquellen, um musikalisch am Ball zu bleiben?
Meine Freunde, Release Radar auf Spotify und mein Hauptjob als Flugbegleiter ermöglichen mir viel unterschiedliche Musik zu konsumieren. Was dann letztendlich bei mir hängen bleibt, entscheidet mein Bauchgefühl zusammen mit den jeweiligen Charts.
Queere Präsenz in der Öffentlichkeit verpflichtet schon von alleine auf eine gewisse Art und Weise dazu, für eine buntere Zukunft zu kämpfen – ob person will oder nicht. Für gut 14 Jahre hast du durch ehrenamtliche Zusammenarbeit mit dem Frankfurter CSD genau dies intensiviert. Was ist dir aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben?
Ich startete beim CSD Frankfurt als Künstler*In und wurde dann schnell eine Art Berater für das Bühnenprogramm hinter den Kulissen. Irgendwann steuerte ich so viel dazu bei, dass ich eines Tages im Verein aufgenommen wurde. Der politische Gedanke eines CSDs und die Sichtbarkeit unserer Vielfalt mit einem Bühnenprogramm zusammenzustellen, war für mich der größte Spaß. Ebenso die Schnittfläche mit Personen zu vergrößern, die bis dato keine Berührungspunkte mit Queerer Kultur hatten. Die Vereinsarbeit hingegen war weniger mitreißend! In Erinnerung bleiben mir die unterschiedlichsten Persönlichkeiten: Natürlich Menschen, die mit dem Herzen dabei sind. Aber auch jene, die sich profilieren. Menschen, die sonst nichts mehr haben. Menschen, die es machen, weil kein anderer es macht oder an etwas festhalten, was so schon lange nicht mehr funktioniert. Die ermüdenden Diskussionen gegen die Windmühlen im Verein waren für mich der schlimmste Stillstand. Und sie waren ein Spiegel für mich selbst, dass ich entweder weiterziehen oder stehen bleiben muss. Ganz dem Motto ‚Geh mit der Zeit oder geh mit der Zeit.‘ Der Verein meldete sich unlängst bei mir, ob ich nächstes Jahr als Berater wieder dabei sein wolle. Tbh: I don’t know.
Wenn du den queeren Kampf im Jahr 2026 mit dem im Jahr 2010 vergleichst, schaust du dann eher mit einem lachenden oder weinenden Auge gen Zukunft?
Ich sah es nicht als Kampf. Ganz im Gegenteil zu heute, mit der braunen Suppe, die die Welt überall vergiftet. Damals hatte es noch eine gewisse Leichtigkeit und man hatte das Gefühl etwas zu bewegen. Heute ist eine eindeutige Aggression in der Community zu spüren, die sich für mich aber nicht einheitlich gegen das vermeintlich Böse richtet, sondern irgendwie zerstreut wirkt. Viele unterschiedliche Gruppen kämpfen für ihr persönliches Ziel und vergessen dabei das große Ganze. Wir sollten alle als ein Ganzes dem gegenübertreten, was uns unsere Zukunft nehmen will – sonst haben wir bald wirklich keine mehr. History repeating.
2020 bist du nicht nur aus dem CSD e.V. ausgetreten, sondern hast auch die Zusammenarbeit beendet. Wie kams?
In der Pandemie haben wir, das damalige Künstlerteam, entschieden, einen Online-CSD zu veranstalten. Sonst hätte es gar nichts vom Frankfurter CSD gegeben. Der Vorstand stimmte zu. Kein Live-Stream, sondern Videos mit Auftritten, Interviews, Grüßen etc. – gefilmt mit drei großen Teams an drei verschiedenen Locations, an einem Tag. Ich hatte damals sowohl Projektleitung als auch Schnitt inne. Und sowas dauert. Ca. zwei Wochen meines Lebens hatte ich investiert. Alle Beteiligten waren happy und steckten viel Zeit und Liebe in das Projekt. Umso mehr schmerzte es, dass sich zur damaligen Zeit kaum einer aus dem Vorstand diese Videos ansah. Das ist der Moment gewesen, in dem sie mich verloren hatten.
Ein Jahr später bist du mit deinem Label BAM BAM Fetish an den Start gegangen. Was hast du alles in der Auslage? Wo gibt es dich zu kaufen?

Harness, attraktives Model vor gelber Kachel. © BAM BAM Fetish
Endlich hatte ich Zeit mich auszuprobieren und die Pandemie spielte mir hierbei sehr stark in meine Karten. Ich habe einen Onlineshop, über den ich weltweit verkaufe. Ab und zu bin ich mit einem Pop-up-Store bei den Kinky Galore Veranstaltungen vertreten. Es gibt Jocks, Harnesse, kleine Cruising-Bags, Choker, Ketten und vieles mehr. Am beliebtesten sind die Unique Pieces und The BAG. 2026 war bisher das stärkste Jahr, was mich unglaublich glücklich macht. Und es zeigt mir, daß Harnesse auch bunt, feminin und glitzernd sein dürfen. BAM BAM Fetish ist Festival, Party, Fetish und vor allem Spaß!
Das Veranstaltungsbusiness scheint deine stete Begleiterin zu sein und der Weg zurück zur Travestie war nicht weit. Seit 2023 bist du Co-Host und Co-Veranstalter von 'Drag me to'. Was können die geneigten Interessierten erwarten und wo finden diese illustren Veranstaltungen statt?
Die IMA Clique kam damals auf mich zu und wollte in dem Restaurant Bar Shuka etwas mit Drags machen. Da sie meine Bio kannten, war es naheliegend, mich mit ins Boot zu holen. Ich war sofort Feuer und Flamme, steuerte den Namen ‚Drag me to Brunch’ bei und hatte zudem auch direkt im Sinn, wer den Posten der Host übernehmen wird: Babsi Heart. Ich weiss was Drags benötigen, um sich in ihrem Habitat wohlzufühlen und welche Gagen mindestens erbracht werden müssen um dem stundenlangen Schminkwahnsinn gerecht zu werden. Zudem bestand ich auf das Tipping-System, welches dank unserer wundervollen Gäst*Innen super angenommen wird. Und wir wachsen immer weiter: Dreieinhalb Jahre gibts uns bereits. Giselle Hipps und Maxima Love konnten wir als Hosts dazu gewinnen, neben Events im Restaurant heißt es auch manchmal 'Drag me to Museum, Volksfest oder auch Rockfestival'. Mein persönlicher Ansporn ist es immer mindestens eine regionale Queen dabei zu haben und unseren Gäst*Innen weiterhin einen Safe Space mit der Queeren Kunstform Nummer Eins zu bieten: Drag! Denn Travestie ist Liebe. 'Drag me to' ist bunt, wild, überraschend, immer anders und generationsübergreifend – für mich ein Full-Circle-Moment.
Mannigfaltig und abwechslungsreich, Herr Biró. Was steht in der nächsten Zeit an? Worauf können sich deine Fans freuen?
Ich sitze bereits an neuen Kollektionen für BAM BAM Fetish, plane neue verrückte Sachen mit ‘Drag me to’ 2027 und schreibe gerade an meinem ersten Buch. Es wird eine lustige Hommage und eine Art Liebeserklärung an all meine Ex-Partner*Innen. Weshalb ich ein Buch schreibe? Das Leben ist zu kurz, etwas nicht zu machen.
Danke Herr Biró.
Jacky-Oh Weinhaus
Jacky-Oh wühlt sich für dich durch queere Themen, die wirklich von Bedeutung sind: Shopping, Poppers und Analsex landen bei ihr ebenso auf dem Tisch wie Tipps für eine besser Verdauung und der Weg zum Prostata-Orgasmus. Egal ob Interviews mit Stars und Sternchen oder doch ein Rezept für gesunde Eiscreme. Die staatlich examinierte Physiotherapeutin weiß Rat.
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